Widerstand gegen rechts statt „Führergeburtstag“ – eine Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Ghetto

„Meine erste Erinnerung an den 20. April habe ich aus meiner Kindheit. Es muss irgendwann Anfang der 90er sein und vor unserem Fenster in einem Dorf in Brandenburg zogen betrunkene Gruppen von Männern in den Straßen umher. Meine Mutter sagte zu mir, dass ich keine Angst haben müsse, wenn wir uns ruhig verhalten. Das sind nur Betrunkene, die den Geburtstag des Führers feiern. Erst später wurde mir klar, was dieser Tag zu bedeuten hat.“ (rk)

Am 19. April 1943 erging ein Befehl Heinrich Himmlers, das Ghetto in der besetzten Stadt Warschau komplett von der zusammen gepferchten und versklavten jüdischen Bevölkerung zu säubern und alle Menschen in die Vernichtungslager zu deportieren. Bereits seit 1942 wurden im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“, also ihrer vollkommenen Auslöschung, täglich bis zu 12.000 der 300.000 Warschauer Jüdinnen und Juden in die Konzentrationslager deportiert. Schon im Januar 1943 war es zum Widerstand gegen ein SS-Räumkommando gekommen und unter verlustreichen Partisanengefechten in den Straßen des Ghettos mussten sich die Nazitruppen nach einigen Tagen zurück ziehen. Dabei starben etwa 80 Prozent der etwa 1.250 sehr schlecht bewaffneten, aber umso entschlosseneren, Frauen und Männer. Durch die vorhergegangenen Deportationen verloren viele Widerstandsgruppen fast alle Mitglieder. Den Verbliebenen war klar, dass die Deportation damit nur aufgeschoben wurde. Himmler wollte zum Geburtstag des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler am 20. April 1943 ein judenfreies Warschau präsentieren. Auch hatte diese Woche eine tiefe traditionelle Bedeutung für den jüdischen Glauben: es war Pessach, die Woche in der nach dem 2. Buch Mose die Befreiung des jüdischen Volkes aus der ägyptischen Sklaverei gefeiert wurde.

Gemeinsam mit zionistischen Jugendgruppen bildete die neue Polnische Arbeiterpartei (PPR), nach der von Stalin diktierten Auflösung der Polnischen Kommunistischen Partei, im Juli 1942 die „Antifaschistische Front“. Der jüdische, aber antizionistische „Bund“, trat der Front nicht bei, verfügte selbst aber über keine Waffen und nur weniger Kämpfer*innen, nachdem die Deportation begannen. Etwas später wurde die jüdische Kampforganisation ŻOB (Żydowska Organizacja Bojowa) gegründet, der zionistische Organisationen, PPR und Mitglieder des Bund einschloss. Nach dem Vorbild der Fareinikte Partisaner Organisatzije (FPO, Foto) in Estland sollte die Organisation als Partisaneneinheit gegen die Nazis kämpfen. Gemeinsam mit dem bürgerlichen „jüdischen Militärverband“ ŻZW bildeten sie die bewaffneten Einheiten, die den Aufstand durchführten. Der ŻZW war durch seine Verbindungen zum polnischen Widerstand mit mehr Waffen ausgestattet, doch das Hauptkampfmittel blieben selbst gebaute Molotv-Cocktails. Insgesamt waren jedoch nicht mehr als einige hundert Kämpfer*innen verblieben.

Als die Truppen der SS in der Nacht des 19. April erneut zur Räumung ins Ghetto eindrangen, wurden sie unter Beschuss genommen. Nach vier Tagen des offenen Häuserkampfes waren viele der Aufständischen getötet und den Verbleibenden ging die Munition aus. In einem ausgebauten System von bis zu 1.000 Bunkern verschanzten sie sich und führten gezielte Aktionen gegen die SS-Einheiten durch. Am 16. Mai 1943 erklärte der Kommandeur der Nazis, Stroop, den Aufstand für nieder geschlagen und sprengte die große Synagoge. Der Aufstand im Warschauer Ghetto hielt sich gegen eine materielle und zahlenmäßige Übermacht über vier Wochen mitten im Feindesgebiet. Doch selbst Monate nach dem offiziellen Ende starben immer wieder angehörige der Wehrmacht oder SS durch Anschläge. Andere der Überlebenden gingen in die Wälder und schlossen sich den Partisanenverbänden an.

Esther Bejarano, eine der letzten Überlebenden eines Konzentrationslagers, machte im Fernsehen unmissverständlich klar, dass Widerstand gegen die Rechten geleistet werden muss. Und dabei können wir uns nicht auf die Institutionen oder Regierungen verlassen, sondern müssen uns selbst organisieren. Das erzählen uns auch die dunklen Kapitel der Geschichte, in denen es trotz unvorstellbarer Umstände gelang, den Widerstand selbst zu organisieren.

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