Nachruf auf Wulf Gallert: Ein Realpolitiker, der wusste was er wollte

Magdeburg. Sicher haben schon Viele Gallert längst aufgegeben. Nicht zuletzt die Menschen in Sachsen-Anhalt, wie das Wahlergebnis für DIE LINKE zeigt und seit gestern auch er selbst. Doch niemand ist lange genug tot, dass Die Wahrheit nicht noch mit einen Nachruf nachtreten kann. Deshalb bringen wir nun zum Abschluss, was vor vielen Jahren begonnen hat – Wulf Gallerts politisches Ableben.

Ein Mann, der wusste was er will

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Gallert wusste ganz genau, was er will, was er kann und was er wird. Das ließ er die Bevölkerung des Landes der Frühaufsteher*innen1 wissen, denn er hing quasi an jeder Laterne. Nur was er wollte, wusste außer ihm kaum jemand. Am wenigsten die, die ihn wählen sollten.

Auf seiner Website wird dies folgendermaßen erläutert:“ Mit Hingabe, harter und umsichtiger Arbeit – und mit Ihrer Unterstützung. In meinem Wahlprogramm habe ich konkrete Lösungsansätze benannt. Vor allem aber werde ich Sie, die Bürgerinnen und Bürger, stärker an Entscheidungen beteiligen, um Verwaltungshandeln und politische Entscheidungen transparenter zu machen.“

Mit dieser gallertartigen Erklärung konnten die Menschen den Eindruck gewinnen, dass Gallert sich entschieden hatte, die Öffentlichkeit um’s Verrecken nicht mit konkreten Plänen zu belasten – wer will sich schon damit beschäftigen? Ein Blick in das persönliche Wahlprogramm bringt leider nur wenig mehr Licht ins Dunkel. Einzig und allein beim Personal wurde er konkret. 14300 neue Lehrer*innen bräuchte das Bundesland. Ach und 6200 neue Polizeibeamt*innen, damit das Land noch ein wenig mehr wie Sachsen wird.

Ein Frauenversteher, der wusste, was er will

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Insbesondere nach den Attacken auf Frauen in Köln, war Gallert die Antwort des Landesverbandes Sachsen-Anhalt der Partei DIE LINKE. Er war genau das, worauf die schwächelnde Frauenbewegung in einem solchen Augenblick gewartet hat. Ein Staatsmann. Ein Realist. Ein selbstbewusster Mann in seinen besten Jahren mit väterlichem Schnauzbart und graumeliertem Haar. Jemand, der sich selbst auf großflächigen Plakaten als Frauenversteher betitelt. So etwas flößt Vertrauen ein.

Das ganze Thema war ihm so immens wichtig, dass er ihm einen ganzen Satz in seinem Wahlprogramm widmete. Nicht, dass es falsch wäre, dass geflüchtete Mädchen und Frauen besonders geschützte Räume und Betreuung benötigen, nachdem sie die Qualen des Weges nach Deutschland lebendig überstanden haben, was nicht einmal allen gelingt. Und sonst? Alles im grünen Bereich? Brauchen Frauen auch Schutz, wenn sie nicht geflohen sind? Vor den deutschen Männern vielleicht? Vor Typen wie Gallert? Nein? Dann können wir ja mit ihm in der nächsten Eckkneipe ein Herrengedeck darauf trinken.

Ein Wirtschaftskenner, der wusste, was er will

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Sachsen-Anhalt steht super da. Seit zehn Jahren ist die Wirtschaft nicht gewachsen, aber auch nicht geschrumpft. Das ist für ein Bundesland im Osten schon eine Leistung. Seit 2004 hat Gallert daran als Oppositionsführer der LINKEn-Fraktion im Landtag ganzen Anteil genommen. Sachsen-Anhalt ist auch bei der Arbeitslosigkeit und dem Nettoeinkommen auf dem dritten Platz im gesamtdeutschen Vergleich. Von hinten. Nach Brandenburg – das müssen Sie sich einmal vorstellen, liebe Lerser*innen.

Das bedauerte natürlich auch der ehemalige sachsen-anhaltinische Landeschef der Linkspartei. Um das zu ändern, wollte er eigentlich hart durchgreifen – keine Vergabe öffentlicher Aufträge an die Wirtschaft unter 10 Euro Stundenlohn. Angesichts solch ambitionierter Zielen könnte sich ja Mandy Schabrowski in Weißenfels schon mal einen Vermögensberater engagieren. Nun, auch in der Wirtschaft kannte er sich aus und stand seinen Kolleg*innen in der SPD in Nichts nach. Doch sie wollten ihn ja nicht lassen.

Ein Brückenbauer, der wusste, was er will

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Angesichts der brennenden sozialen Lage, der prekären Versorgungssituation vieler Geflüchteter und zunehmender rechter Gewalt im Land, vor deren Hintergrund sich ein Erfolg der AfD ankündigte, war allen klar:“Das wird das Thema sein. Da setzt er jetzt den Hebel an. Wir sind bereits, ihm alles nachzusehen, wenn er wenigstens den üblichen Aufstand der Anständigen und des demokratischen Lagers verkündigt.“

Und wer Gallert kennt, weiß, dass dieser Mann nicht enttäuschen würde. In einer Situation, in der ein krimineller André Poggenburg, persönlicher Protegé Björn Höckes, und selbst in der AfD auf dem Spielfeld rechtsaußen, die stärkste Landtagsfraktion der Rechtspartei anführen wird, griffen Gallert und sein Team auf eine bewährte Strategie bürgerlicher Politik zurück: Sie hielten sich die Augen zu. Sie kehrten allen dringenden Problemen den Rücken. Sie warfen jedes Alleinstellungsmerkmal, das der LINKEn zu mehr Unterstützung verholfen hätte über Bord. Gar nicht zu reden von einem Programm, das eine tatsächliche Verbesserung der Lebenssituation der Menschen bedeuten würde und ein reales Vehikel im Kampf gegen die Scheißnazis ist. Kein Wort über Rassismus, kein Wort über die AfD, die Waffen wurden lange vor der Ankündigung der Schlacht gestreckt.

Genug jetzt. Bringen wir es mit Gallert selbst zum Abschluss. „Nach dieser Wahl befinden wir uns in einer neuen Phase der politischen Auseinandersetzung, wofür es neue Ideen und neue Gesichter braucht.“ Wer das miserable Ergebnis der Partei angesichts dieses Wahlkampfes auf. Geben wir uns den Rest mit Katja Kipping, die dazu sagte:“ Aber diese Wahlkämpfe fanden in einem gesellschaftlichen Klima des Rechtsruckes statt, wo es ganz schwer war, über eine andere Wahlkampfführung ein anderes Ergebnis zu erzielen.„

Wer so etwas sagt, hat es nicht anders verdient, als im Orkus der Geschichte den Ruhestand zu suchen.

Wir wünschen Wulf Gallert alles Gute im Land der Vergessenen und verabschieden ihn mit einem berühmten Spruch von Gollum.“Geh‘ weg und komm‘ nie wieder!“

1Sachsen-Anhalt bezeichnet sich selbst als Land der Frühaufsteher. Alle, die schon einmal die A9 in Richtung Leipzig gefahren sind, wissen das.

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Nach Landtagswahlen: Petry droht Merkel mit kleinem Österreicher

Berlin. Auf einer Pressekonferenz, auf der die AfD-Führerin Frauke Petry den gestrigen Wahlerfolg ihrer Partei feierte, drohte sie gleichzeitig der Bundesregierung und der Kanzlerin, dass das noch lange nicht alles gewesen sei. Dazu sagte sie der Redaktion von Die Wahrheit:“Wir haben gute Verbindungen zu Österreich, allein schon aus Tradition. Viele von denen sind der Meinung, dass sie die wahren Deutschen sind. Die Wahlen waren ein Warnschuss. Wenn nicht sofort unsere Forderungen umgesetzt werden und alle unproduktiven Ausländer das Land verlassen, holen wir unseren Freund aus Österreich! Und allen hier sollte klar sein, dass das für Deutschland nie etwas gutes bedeutet hat.“

Freiwillige AfD-Wahlkampfhelfer*innen: Die Medien

Berlin. Bei Medienkonzernen, deren oberste Ziele die Auflagenstärke und der Gewinn sind, ist es wie bei Literaturkritiker*innen und Hunden – wer am lautesten bellt, kriegt den Knochen.

Ein Geben und Nehmen

Und so gibt es seit den Tagen des alten Bernd Lucke (er Ruhe in Frieden) eine stillschweigende Vereinbarung zwischen ihnen und der AfD. Die Angestellten warten, mit der Kamera im Anschlag, vor den Büros und Häusern der Höckes, Petrys, Storchs und wie sie alle heißen. Die Praktikant*innenschar wird abgeordnet, im Minutentakt deren Seiten auf Facebook und Twitter-Accounts zu durchforsten. Und da solche Aufmerksamkeit keine Einbahnstraße ist, macht es die AfD-Führung: sie verursacht Skandale, provoziert, beißt und schlägt um sich, mal mehr und mal weniger geschickt, aber mit Erfolg. Und es wird ihnen vergütet – sie bekommen mehr Plattform für ihre Aussagen und Ideen, als jede andere Partei. Natürlich nur, solange die Auflage dann auch eine Abnahme findet. Das Thema Flüchtlinge hat sich verbraucht – das findet auch die AfD-Führung und entdeckt nun für sich die Demokratie neu. Andere Themen werden folgen, andere Skandale werden folgen. Sie schimpfen auf die Lügenpresse, die Lügenpresse druckt es. Sie rücken sich als Geächtete ins rechte Bild, die Presse verteidigt sich. Beide verdienen gut daran. Es gibt eine Reihe anderer Politiker*innen, die ebenso daran Teil haben wollen und sich ebenfalls gut in Szene setzen können. Wir kennen die Namen – Steinbach, Klöckner, Seehofer. Hier eine rassistische Äußerung, da AfD-Verständnis, dort Handschlag mit alten Freunden in der russischen Regierung. Es ist tendenziös, was da berichtet wird, denn es kommt immer von rechts. Ist in den letzten Jahren mal ein Skandal ausgebrochen, weil jemand öffentlich sagte oder schrieb, dass die Waffenexporte sofort gestoppt und die Rüstungsindustrie als Fluchtverursacher verstaatlicht und in demokratischer Hand in zivile Produktion umgewandelt werden muss? Nicht, soweit wir uns erinnern können. Natürlich liegt das auch daran, dass solche Aussagen eher selten getroffen werden und statt dessen Wagenknecht und andere eher eine Titelseite bekommen, wenn sie sich gegen die Aufnahme aller Flüchtlinge aussprechen. Das macht sie übrigens noch nicht zu Querfrontler*innen, sondern zu ganz banalen Politiker*innen, die genau das selbe sagen, wie ihre Pendants in SPD und anderen Parteien.

Wer den Scheiß glaubt, ist selbst Schuld?

Natürlich muss jedem Menschen zugestanden werden, selbst zu entscheiden, was gelesen und geglaubt wird. Aber zu behaupten, dass alle doof wären, die glauben, was in der Presse steht ist dann doch etwas zu einfach. Denn es macht einen Unterschied, ob die Leute lesen, dass eine fremdländische Kultur hier her kommt und damit Mädchen und Frauen auf einmal einer besonderen Gefahr ausgesetzt sind. Nach Köln konnte man sich nicht fest genug die Ohren und Augen zuhalten. Zu sagen, dass Leute, die das glauben einfach nur blöd sind, überlässt Millionen von Leser*innen den Rattenfängern auf der Rechten. Es lässt die Opfer allein, es lässt jene allein, die verunsichert und verängstigt sind und statt den Versuch einer wirklichen Antwort auf die Probleme, bekommen sie nur den rechten Unflat zu hören.

Schlagzeilen statt Inhalte

Es ist wie mit den meisten Artikeln. Eine knackige Überschrift, ein provokantes Bild. Das wird in den sozialen Netzwerken geteilt, das wird gelesen, ein großer Teil der Leute, die das liken, liest nicht einmal den kompletten Text, da mit dem Teilen einer Überschrift vor allem ein Statement abgegeben wird. Die Aufmerksamkeitsspanne schmilzt durch die hohe Geschwindigkeit des Informationsflusses schnell auf 160 Zeichen zusammen. Sachen wie Mausrutscher, Rassisten-Tourette gehen gut. Damit ist nicht nur der AfD geholfen, sondern allen Parteien, die eine ähnlich unsoziale Agenda verfolgen. Verschärfung der Asylgesetze, Bewahrung der deutschen Traditionen ist Nichts, was viele Konservative in der CDU nicht unterschreiben würden. Die Abschaffung des Mindestlohns, ein Antigewerkschaftskurs, Spaltung in nützliche und nicht-nützliche Deutsche und Nicht-Deutsche steht im Programm aller Arbeitgeberverbände und anderer Parteien wie SPD, CDU, FDP und Grüne. Während sich noch über die letzte krasse Aussage dieser oder jener Politikerin aufgeregt wird, setzen andere das längst um, was die AfD fordert. Unbehelligt. Wer protestierte gegen die Aussetzung des Familiennachzuges schon? Wer wusste überhaupt davon? Die gleichen Medien, die uns nicht erst seit 2013 oft rassistische Berichte erstatten, sorgen mit einer Ablenkung von den Inhalten der Politik auch dafür, dass die Leser*innenschaft nicht über mögliche Lösungsansätze nachdenkt. Wenn wir nur darauf warten, was wer als nächstes sagt, lassen wir uns gleichzeitig eine Politik und eine Ablenkung diktieren, die gegen uns gerichtet ist.

War heute der Tag von Hitlers Machtübernahme? Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

Magdeburg, Stuttgart, Mainz. André Poggenburg reibt sich die Hände, stößt mit Champagner an und lacht befreit. Natürlich hat er den Champagner nicht selbst bezahlt, sondern anschreiben lassen. Aber der Landesführer der AfD in Sachsen-Anhalt ist guter Dinge. Wenn seine Partei endlich die Macht im Land übernommen hat, wird der Haftbefehl gegen ihn zurück genommen und seine Schulden werden erlassen. Dafür wird er schon persönlich sorgen. Doch bis zum Tag der rechten Machtübernahme dauert es wohl noch ein bisschen.

Lassen wir den Bettvorleger mal dort wo er ist und machen keinen Tiger aus ihm. Die AfD ist zweifelsohne eine gefährliche Organisation, die als Katalysator für mehrere Sachen dient. Sie ist ein Berührungspunkt von Menschen, die zwar rechte Positionen richtig finden, aber nichts mit Nazis zu tun haben wollten und letzteren. Sie ist ein Durchlauferhitzer für jene, die nicht direkt zur NPD wollten. Sie ist eine Organisation, die den Rahmen für Nazis aller Art bietet, um sich mit einem bürgerlichen Anstrich zu versehen. Sie ist die Bundespartei von PEGIDA, die die Straßen Dresdens erobert haben und sie halten enge Verbindungen mit Nazischlägerbanden und deren Organisationen, die ihrereseits Ordner für AfD-Aufzüge bilden und gern auch die Höcke-Aufmärsche in Thüringen unterstützen. Wo die AfD aufmarschiert, gibt es hinterher rechte Schmierereien und Anschläge, wo vorher noch eine friedliche Nachbarschaft war. Sie katalysiert Gewalt, stärkt das rechte Selbstbewusstsein und senkt die Hemmschwelle. Sie kanalisiert aber auch die Ängste einer Mittelschicht, die ihren bescheidenen Besitzstand und ihre gute Position bedroht sie. Sie gibt den demoralisierten und von bürgerlicher Politik entfremdeten Perspektivlosen eine Perspektiv durch salonfähigen Rassismus und einer ganz alltäglichen Radikalität.

Kurz: Wo die AfD hinspuckt, wird es braun.

Gerade die Tatsache, dass die AfD mit dem Kanalisieren realer sozialer Ängste und der Abgefressenheit vom durchschnittlichen Politikbetrieb punktet, zeigt uns doch, wo wir ansetzen müssen. Statt dessen kriegen wir von morgens bis abends den selben „Wir schaffen das“ und „Wir sind bunt und tolerant statt braun“-Einheitsbrei fingerdick auf’s Brot geschmiert. Eine wirkliche Antwort? Suchen wir vergebens. Und für alle die, die sich jetzt nach dem grandiosen Scheitern des sogenannten demokratischen Lagers von denen verlassen und enttäuscht fühlen: Ihr habt Recht! Aber nicht, weil CDUFDPGRÜNESPD diesen oder jenen Fehler gemacht haben im Umgang mit der AfD, auch wenn es da viel zu kritisieren gäbe. Sie SIND der Fehler. Sie haben die Umstände zu verantworten, dass die AfD erst so stark werden konnte. Sie sind Schuld an Ungleichheit, Alltags- und institutionellem Rassismus, Gesetzesverschärfungen, Islamophobie und das alles orchestriert von Medien, die gut daran verdienen.

Und die einzige Partei, die sich auf die Fahne geschrieben hat, eine Alternative zu dem ganzen Politikmatsch zu sein, steht jetzt mit schlaffen Spruchbändern im Regen. Und das geht ganz klar an an Helmut Holter, Wulf Gallert und die ganzen Idiot*innen in deren Teams, die Wahlkämpfe verbrochen haben, die statt Alternativen aufzeigen Anpassung ganz groß schrieben und aus Liebe zur Heimat sogar am rechten Rand fischen gingen. Glaubt ihr denn, dass ihr den Stimmeneinbruch bei den etablierten Parteien dadurch für DIE LINKE nutzen könnt, indem ihr eure einzigen Alleinstellungsmerkmale – die sozialen Forderungen – über Bord werft und die Scheiße kopiert, die zum Stimmeneinbruch bei den etablierten Parteien geführt hat?

Natürlich gibt es einige, die jetzt sagen, die sozialen Forderungen müssen ganz klar im Fordergrund stehen. Wagenknecht und sogar andere, die gern mit der SPD in die Regierung wollen, sagen das. Ein Dankeschön aus Brandenburg an dieser Stelle nochmal. Dem Rassismus den Boden entziehen bedeutet auf jeden Fall, die sozialen Ursachen (Scheißkapitalismus) zu benennen und Antworten darauf zu geben, wie das zu ändern als, also selbiger abzuschaffen ist. Auf jeden Fall entzieht man dem Rassismus nicht den Boden, indem man in die Nähe jener rückt, die ihn von offizieller Seite mittragen. Soziale Forderungen müssen aber mit einer klaren Kampfansage gegen AfD, NPD und andere verbunden sein. Es gibt keinen Weg, sich auf soziale Forderungen zu beschränken, in der Hoffnung, damit ein paar Stimmchen von der AfD doch noch für sich gewinnen zu können. Diese Leute hat die fortgesetzte PDS-Politik im Osten doch erst in deren Arme getrieben. Also – Politikwechsel, keine Angst vor der eigenen Konsequenz, weg von den Futtertrögen der Macht.

Andere machen genau das Gegenteil. Die AfD sei faschistisch, alle Kräfte vereint gegen die AfD. Gut, ob diese Analyse geteilt wird oder nicht ist eine Sache. Oben wurde dargelegt, dass sich viele faschistische Kräfte in und um die AfD gruppieren und sie sich selbst radikalisiert und polarisiert. Ist sie schon eine NSDAP deswegen? Ist sie schon eine Goldene Morgenröte deswegen? Die soziale Basis ist da – die Mittelschichten – und einige von ihnen wollen kämpfen, aber das ist noch nicht flächendeckend so. Der geeinte Kampf gegen die AfD kann doch aber nicht heißen, dass alle fortschrittlichen Forderungen über Bord geworfen werden und auf einmal die SPD, die gestern noch das Asylgesetz weiter in die Tonne tritt, heute nicht mehr kritisiert werden kann, damit auch ein Gabriel sich noch hinstellen kann und sagt, das demokratische Lager müsse geeint werden. Sogar CDU-Henkel, Berliner Innensenator rief zum Aufstand der Anständigen auf. Was das praktisch heißt, haben wir am Samstag gesehen. Die Nazis rufen „Merkel muss weg“ und wir hören vor allem Sambarhythmen, die genauso mitreißend wie inhaltsleer war. Als es dann darauf ankam, sich den Nazis in den Weg zu stellen, waren die offiziellen Organisator*innen schneller weg, als wir „Nazis Raus“ rufen konnten.

Das Fazit dieses etwas ungestümen Kommentars soll sein: Rückt die Perspektive zurecht, überlegt, woher die Stärke der AfD kommt und wie sie bekämpft werden kann. Wir brauchen viele und wir brauchen ein Programm, das uns hilft dieses Schweinesystem, dessen Kinder die Faschos sind, abzuschaffen. Wer einfach nur sagt, die Leute sind blöd, macht es sich ein wenig zu einfach. Und: Wir sind noch nicht dort angekommen, wo die Nazis 1933 waren. Im Übrigen gab es vor 80 Jahren in Spanien ein gutes Beispiel, wie gegen aufmüpfige Nazis am besten vorgegangen wird: Generalstreik und Revolution. Dass wir nicht ein weiteres Mal scheitern, bedeutet, dass wir aus der Geschichte lernen müssen.

Die Wahrheit über Die Wahrheit

Berlin. In einer Presserkonferenz im Kempinski Hotel in Berlin am Abend des 08. März 2016 stellte sich die Redaktion von Die Wahrheit den Fragen der anwesenden RedakteurInnen in aller Ausführlichkeit. Angeblich dienen diese Fragen einer Vorauswahl, um einen Preis namens Seppo-Blog-Auszeichnung am Ende des Jahres zu verleihen. Uns ist völlig klar, dass es sich dabei nur um einen Irrtum handeln kann, denn um einer Frage von Dani Wolf von der BILD voraus zu greifen, warum wir es nicht verdient hätten, den Award zu gewinnen, können wir nur antworten, dass es dafür nur eine irgendwie mögliche Antwort gibt: jemand hat die Preisverleihung boykottiert, mit voller Absicht und dem Wissen, dass damit verhindert werden soll, dass die Wahrheit die Augen und Ohren der Weltbevölkerung erreicht. Eine Tat von weltgeschichtlichem Ausmaße also. Dessen sollten sich alle Mitglieder der Jury, deren Unparteilichkeit wir an sich anzweifeln, da es sowas nicht gibt, bewusst sein. Des Weiteren werden alle persönlichen Fragen in der gewohnten „Wir“-Form beantwortet. Dies liegt nicht etwa an einem übersteigerten Ego, das die Verwendung der Pluralis Majestatis erfordern würde, sondern einzig und allein an der Größe unserer historischen Aufgabe. Denn nicht anderes, als die Welt aus den Angeln zu heben, haben wir uns geschworen. Nun zu den ausufernden Antworten auf kurz gestellte Fragen.

Was haben Seppo und Du gemeinsam? (Dani Wolf, BILD)

Es ist uns völlig verständlich, dass eine derartige Frage von der BILD kommt. Die Gemeinsamkeit liegt auf der Hand – wir und Seppo nutzen WordPress. Jegliche Verwandtschaftsbeziehungen, finanzielle oder andere Abhängigkeitsverhältnisse sind hier völlig ausgeschlossen. Auf jeden Fall. Niemand zahlt hier irgend jemanden etwas für lobende Erwähnungen. Dieser Deal wurde mit Blut besiegelt.

Wieso hättest Du die SBA nicht verdient? (siehe oben)

Eine Woche lang keine (soziale) Technik: kein Handy, kein Facebook, kein Blog – nichts. Was würde das mit Dir machen? (FranCesca Bommer, Business Punk)

Das ist für uns überhaupt kein Problem. Es so viele DoktorandInnen, die bei uns ein unbezahltes Praktikum absolvieren (Hilfe!), dass wir schon jetzt nicht mehr darauf angewiesen sind, unsere Smartphones selbst zu bedienen (Wir können nicht mehr!). Nicht einmal dieser Text ist selbst geschrieben, sondern allenfalls zur Hälfte diktiert. (Bitte helft uns hier raus!) Das hat tatsächlich etwas mit uns gemacht. Dadurch, dass alle anderen die Arbeit für uns erledigen (zwölf Stunden pro Tag in Schichtsystem!), haben wir natürlich nur noch im Prenzlauer Berg Latte Macchiato decaf mit Sojamilch geschlürft und mussten letztendlich einen Personal Trainer engagieren, um die überschüssigen Pfunde wieder loszuwerden.

Was inspiriert Dich für Deine Themen? (ebd.)

Beantworten wir die Frage von einer anderen Seite. Würde es keinen Krieg, keine Unterdrückung, keinen Rassismus, keine Ausbeutung und Ungleichheit mehr geben, könnten wir ruhigen Gewissens unseren Stift weg legen. Selbst Ihnen sollte klar sein, dass das gerade nicht der Fall ist, auch wenn der Business Punk sich vor allem in seiner eigenen Start-Up-Kultur sonnt und sich auf die wirklich unwichtigen Aspekte des Lebens konzentriert. Direkte Inspiration liefert uns leider oftmals das rechte Lager aus AfD und PEGIDA, aber auch in ausreichendem Maße die herrschende Politik. Leider wird es zunehmend schwieriger, real getätigte Aussagen so zu überspitzen, dass es Satire wird.

Wer hat Dir das Hirn so manipuliert, dass Du bei so einem Wettbewerb teilnimmst? (Angel Mohli, Morgenpost)

Alle RedakteurInnen trinken. So auch wir. Es wird wohl dieser außergewöhnlich gute Single Malt gewesen sein, von dem wir alle nicht genug bekommen können. Ansonsten ist Publicity natürlich immer gut.

Wer sollte Deinen Blog besser nicht lesen? (Sarah Katt, taz)

Ich weiß, dass es zumindest die Leute bei der taz nicht tun, da sie zwar gern viele Sachen kritisieren, aber ungern ihr hohes Ross verlassen, um sich mit den wirklichen Lösungen auseinander zu setzen und so gern Tritte nach links austeilen. Allerdings würde es Ihnen sicher gut tun, öfter unseren Blog zu lesen. Ja, uns ist bewusst, dass die taz eine eigene Satire-Rubrik mit dem Namen „Die Wahrheit“ hat. Alles nur eine billige Kopie. Also, unser Blog sollte eigentlich von allen gelesen werden, auch wenn wir davon ausgehen, dass ihn besorgte BürgerInnen selten lustig finden werden.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Was isst Du am liebsten? (Manuel Höttges, Chefkoch.de)

Die Sieben.

Welchen Titel hatte Dein erster Blog-Eintrag, welchen wird Dein letzter haben? (Marc Kipfer, Spiegel)

Der erste Eintrag Titel lautete „Ein Millionen-Investment“ und handelte von der Investorengruppe, die uns gefundet hat. Leider sind nach knapp zwei Monaten die mehreren Millionen schon fast aufgebraucht. Zeit für eine neue Kapitalisierungsrunde. Ist Herr Augstein vielleicht interessiert? Der letzte Blogeintrag wird wahrscheinlich etwas im Sinne von „Wir haben es geschafft“ im Titel haben und dem letzten Teil der Welt zum siegreichen Abschaffen des Kapitalismus gratulieren, nachdem auch endlich dieses furchtbare WordPress abgeschaltet wird. Wir haben schon fast kein eigenes Leben mehr.

Was frühstückst Du? (Alex La Famee, Essen&Trinken)

AfD-Mitglieder. Gut durch und püriert. Auf Brötchen und mit einer Prise Majoran. Echt super.

Katze oder Hund? (Rita Raptakis, Der Feinschmecker)

Es kommt auf die Zubereitung an. Uns schmeckt durchaus beides.

Hast Du sonst niemanden, dem Du das alles erzählen könntest? (Martina Mai, Die Welt am Sonntag)

Doch, doch. Die meisten Sachen, die wir schreiben, bekommen alle Freunde, Verwandte und sonstige Leute auf der Straße und auf Facebook, Twitter und Instagram (Follow us!) noch einmal aufgedrängt.

Wer liest Dich überhaupt (Ebony June, Konkret)

Alle, die nicht schlafen können. Alle, denen hier etwas stinkt. Alle, die mal ein Gegengift zu dieser beschissenen Realität brauchen.

Was müsste geschehen, dass Du mit dem Bloggen aufhörst? (Sabienes Shelm, mobilbranche.de)

Diese Frage wurde bereits vom Business Punk gestellt. Da sie sowieso die ganze Zeit von einander abschreiben, nehmen Sie doch bitte obige Antwort und melden sich das nächste Mal etwas früher.

Welche Eigenschaft an einem Menschen schätzt Du am meisten? (Thomas Peter, Psychologie Heute)

Eine fundierte politische Meinung und eine konsequente und aufrechte Haltung, gemischt mit der notwendigen Toleranz. Diese Kriterien schließen schon mal pseudo-alternative Labertaschen, Nazis sowie linke und rechte Spießer aus. Mit allen anderen können wir diskutieren oder sie gegebenfalls bekämpfen.

Was ist Deine beste Eigenschaft? (ebd.)

Wir haben auf alles zumindest theoretisch eine Antwort.

Was ist Dein größter Fehler? (ebd.)

Wir haben auf alles zumindest theoretisch eine Antwort.

Wie, denkst Du, sehen Dich die anderen Menschen? (ebd.)

Das ist uns jetzt etwas zu psychologisierend. Wollen das Ihre LeserInnen wirklich wissen? Sicherlich halten uns viele Menschen für ausgemachte Spinner, die kein bisschen lustig sind. Andere mögen uns. So ist das, wenn jemand eine Meinung hat. Sie polarisiert oft.

Was würdest Du niemals in einem Blog posten? (ebd.)

Wir sind nicht der Auffassung, dass Satire alles darf. Sie darf nicht auf jene treten, die schon am Boden liegen. Sie darf nicht auf der Seite der Unterdrücker stehen. Sie darf sich nicht über Opfer lustig machen. Solche Sachen würden nicht auf unseren Blog kommen.

Glaubst Du neben Seppos Blog noch an andere Wunder? (Annick N. Seiwert, AstroTV)

Natürlich. Wir schreiben für ein weiteres Wunder.

Wenn Du einen Gegenstand in eine Zeitkapsel tun könntest, welche erst in 100 Jahren geöffnet werden würde, welcher Gegenstand wäre das? (HeyChiu Pang, Russia Today)

Das kommunistische Manifest.

Was bedeutet Schreiben für Dich, was macht es mit Dir? (Seppo, Seppolog)

Das ist eigentlich die einzig wirklich wichtige Frage hier, da sie direkt von Seppo kommt. Wer gewinnen will, muss hier glänzen. Das haben wir jedoch gar nicht nötig. Schreiben hat uns schon immer viel bedeutet. Wir haben es zwischendurch ganz aufgegeben, um uns der praktischen politischen Arbeit zu widmen. Seit geraumer Zeit verfolgen wir jedoch dieses Blogprojekt und sind uns noch nicht ganz sicher, wohin es führt. Was es macht ist auf jeden Fall einen Widerspruch konstruieren. Zwischen dem, was gerade trendet und was eine Internetnachricht ist und dem, was inhaltlich wichtig ist, aber vielleicht weniger gelesen wird. So kann eine totale Quatschnachricht schnell mal einer der TOP 10 Artikel auf WordPress werden und länger überdachte, durchaus ernsthafte Kommentare nur von 150 Leuten gelesen werden.

Wie kriegst Du Seppo ins Bett? (ebd.)

Noch mal? Ich dachte, das letzte Mal wäre ausreichend gewesen, um bei dieser ganzen Sache mitzumachen!

Was macht Mannsein für dich aus, was Frausein? (ebd.)

Mannsein in unserem Falle. Es ist schwierig, hier eine kurz gefasste Antwort zu geben, deshalb muss es etwas thesenhaft sein. Alle Männer sollten sich ihrer privilegierten Stellung in der Gesellschaft bewusst werden und sie hinterfragen. Und so oft sie auch hinterfragt wird, als Männer leben wir niemals in einem luftleeren Raum, sind also immer gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt. Dementsprechend müssen wir immer wieder reflektieren und es akzeptieren, hinterfragt zu werden. Dann müssen wir verstehen, dass die Privilegien, die wir vielleicht oberflächlich durch mehr Zeit, weniger Hausarbeit, wenige emotionale Arbeit, mehr Gehalt und bessere Jobs genießen, unter der Oberfläche ein zutiefst ungleiches Gesellschaftssystem aufrecht erhalten, in der auch wir in bestimmte Rollen gezwungen werden, in denen uns die Aufgabe zukommt, Frauen zu disziplinieren und an ihren Platz zu verweisen und in dieser gespaltenen Situation selbst ständig Verschlechterungen der Lebensumstände zu erfahren. Das macht Mannsein für mich aus – diesen Widerspruch zu erkennen und gemeinsam an dessen Auslösung zu arbeiten. Wenn wir erkennen, dass die Frau neben uns mehr als nur Sexobjekt, Mutter oder Werbefläche ist, nehmen wir sie ernster und können sie als gleichberechtigt in der Auseinandersetzung um ein besseres Leben anerkennen. Wenn es auch anderswo schlimmer ist, als hier, so ist hier dennoch nichts gut. Was wir zu gewinnen haben, ist eine Welt, in der wir frei von Rollenbildern und Geschlechterzwang sind. Dabei ist uns völlig klar, dass es nichts bringt, das irgendwo hinzuschreiben oder darauf zu warten, dass alle plötzlich zu dieser Erkenntnis kommen. Bewusstsein ändert sich am meisten in konkreten Auseinandersetzung am Arbeitsplatz, auf der Straße, in der Schule und in der Uni um gemeinsame Ziele: höhere Löhne, gleiche Rechte, ein besseres Leben.

Was bedeutet das Konzept der ewigen Liebe für Dich? Ist es möglich? Wünschenswert? (ebd.)

Das würde jetzt zu sehr ins Metaphysische abdriften. Ewige Liebe mag möglich sein und jene, die sie finden und es sich wünschen, können sich sicher glücklich schätzen. Aber es sollte kein romantischer Zauber sind, dem wir unser Leben widmen.

Warum sind 28 Fragen zuviel? (ebd.)

Weil einem irgendwann die Hände vom Schreiben weh tun.

Blogger seien Selbstdarsteller, heißt es oft. Warum stimmt das – und ist das schlimm? (ebd.)

Jetzt mal ehrlich. Allein schon der Annahme, dass jemand Artikel über das, was einem passiert oder was gedachte wird, schreibt UND davon ausgeht, dass Leute das lesen ist ganz schön anmaßend. Schlimm ist das nicht. Wir sind ja der Auffassung, dass wir nur noch einen Blog bräuchten. Die Wahrheit.

Warum machst Du bei dieser Nummer mit? (ebd.)

Diese Frage haben wir bereits beantwortet.

Wie löst Du zwischenmenschliche Konflikte? Offensiv, defensiv oder gar nicht? (ebd.)

Eigentlich waren wir lange Zeit defensiv. Wir neigen aber seit einiger Zeit und mit größerem Erfolg zu einer offensiven (wohlgemerkt gewaltfreien) Lösungsstrategie, die auf jeden Fall die andere Person mit einschließen sollte, sofern das möglich ist. Grundlegend werden alle Konflikte nur kollektiv gelöst werden können.

Alle Fragen und ein schönes Interview finden sich hier: http://seppolog.com/2016/03/07/sba2016-der-fragebogen/

Frau nach öffentlicher Kritik an ihrer Rechtschreibung endlich kein Nazi mehr

Weißenfels. Mandy Schabrowski sitzt vor einem halb leeren Glas Latte Machjato. „Das tut so gut schmecken,“ sagt sie reuevoll. „Ich wußte gar nicht, was ich die ganzen Jahre über verpasst gehabt habe.“ Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und erzählt uns ihre Geschichte.

Weißenfels

Die Stadt Weißenfels entwickelte sich nach Ende des zweiten Weltkrieges zu einem bedeutenden Standort der ostdeutschen Schuh- und Lebensmittelindustrie. In Folge dessen wurden kulturelle Angebote für die breite der Bevölkerung ausgebaut. Nach demFall der Mauer sorgten die Segnungen der Marktwirtschaft und weltweiten Konkurrenz dafür, dass innerhalb von zwei Jahren fast die gesamte Infrastruktur, nahezu alle Arbeitsplätze und damit die Zukunftperspektive der Stadt vernichtet wurden. Die über 6.000 Beschäftigten der Schuhwerke wurden beinahe über Nacht arbeitslos, die Stadt verlor bis 2010 rund ein Drittel ihrer Bevölkerung, als Arbeitslosigkeit und Überalterung Einzug hielten.

Mandys frühe Jahre

Hier wurde Mandy Schabrowski 1991 geboren. Der Vater arbeitete für die Schuhfabrik, die Mutter in der Stadtverwaltung und war für die öffentlichen kulturellen Einrichtung veranntwortlich. Beide Arbeitsplätze fielen schon vor ihrer Geburt dem Abbau zum Opfer. Während der 90er Jahre gab es im gesamten Bundesland Sachsen-Anhalt keine Perspektive für die beiden Elternteile, eine neue Anstellung zu finden. Mit dem sozialen Abstieg und der mangelnden Aussicht auf Besserung, fand die Partnerschaft von der Schabrowski ein jähes Ende 1995. Seitdem ist Mandys Mutter allein für ihre Tochter verantwortlich und fand erst zwei Jahre nach der Trennung eine Position als Gebäudereinigerin in den Überbleibseln der einst riesigen Leuna-Werke. Das tägliche Pendeln nahm ihr zusätzlich die Zeit, um sich um die mittlerweile eingeschulte Tochter zu kümmern. Da die Kosten für die Unterbringung in einem Schulhort zu hoch und die Plätze sehr begrenzt waren, übernahm es die Großmutter in Frührente, die ebenfalls in Weißenfels wohnte. Durch ihren sich verschlechternden Gesundheitszustand konnte sie sich jedoch nur bedingt um das Kind kümmern. 2001 nahm die Mutter dann eine besser bezahlte Stelle in der weiter entfernten Stadt Leipzig an. Mandy übernahm ihre Versorgung schnell selbst. Die schulischen Leistungen der Weißenfelserin blieben dabei zunehmend auf der Strecke.

Die rechte Ideologie war alternativlos

2003 kam sie dann auf die Südstadtschule, wo ihre Schwierigkeiten im Unterricht durch die Zusammenlegung mit einer anderen Schule aus Gründen der Kostensenkung nicht besser wurden. Jugendclubs oder andere Freizeitangebote gab es in der Stadt so gut wie keine, daher verbrachte sie ihre Zeit hauptsächlich mit den anderen Jugendlichen aus ihrem Jahrgang im Stadtpark. Dort hielten sich oft auch Ältere mit ihren Autos auf, so ihr späterer Freund Marco. Da kam Mandy zuerst mit rechten Ideen in Berührung. Die Schwierigkeiten in der Schule, der triste Alltag, die Mutter, die nie da war, auf einmal gab es eine einfache Erklärung für das Alles: die Bundesregierung gibt nur Geld für die Asozialen und Ausländer aus. In Weißenfels kommt davon nichts an. „Außer bei den Zecken und Hippies, die mit ihren teuren Öko-Klamotten in den Häusern in der neuen Siedlung wohnen,“ sagt sie uns. „Die tat ich nie gut leiden können, die waren immer so hochnäsig.“ 2007 verließ sie die Schule, nachdem sie die neunte Klasse wiederholte und fing eine Ausbildung im Edeka als kaufmännische Assistentin an, wo sie nach knappem Bestehen der Prüfungen seither an der Kasse arbeitet. Mittlerweile wohnt sie in einer eigenen Einzimmerwohnung, Marco ist vor zwei Jahren dort eingezogen, weil er zuhause raus geflogen ist. Eine Arbeit hat er nicht, auch keine Ausbildung. Er ist viel unterwegs mit den Jungs, trinkt viel und wird oft ausfallend. Vor einem halben Jahr sagte sie der Redaktion: „Aber ich bin ihm immer treu, wie eine gute Frau es nunmal ist. Bei der Situation ist es doch kein Wunder, dass ein Mann mal etwas raus lassen muss. Dann kommen die ganzen Araber hier her, belästigen uns deutsche Frauen und Mädchen. Man ist ja nirgendwo mehr sicher. Weißenfels ist mittlerweile eine der Städte mit dem größten Ausländeranteil der Welt. Aber mein Freund und seine Jungs kämpfen dafür, dass ich mit als deutsche Frau frei bewegen kann.“ Ob er sie schon einmal geschlagen hätte? „Nur ein paar Mal, aber es war nur ein Versehen, weil er zuviel getrunken hatte. Eigentlich ist er ganz nett. Er hat sich auch immer nach ein paar Tagen dafür entschuldigt und einmal sogar fast geweint.“

Die Erkenntnis

Doch jetzt ist alles anders. Nachdem Mandy auf Facebook Fotos ihrer Lieblingsseite „Wiederstand Weißenfels“ gepostet hat und zum Teil auch eigene Kommentare verfasste, wurde sie kurzzeitig zu einer Internetberühmtheit. Nachdem sie mehrmals als Abschaum, blöde Fotze und unfähige Kartoffel, die in einem scheiß Drecksnest voller Nazis wohnt, beschimpft wurde, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Natürlich ist es ihr mangelnder Wille, etwas besseres, eine tolerante Europerin zu werden, der sie zu einem schlechten Menschen macht. Und mit ihr alle, die unter ähnlichen Umständen aufgewachsen sind. Eine rechte Meinung ist eine Dummheit. Sie kann sich ihre Karriereleiter selbst bauen, Weißenfels verlassen, endlich einen vernünftigen Abschluss machen. Das alles und noch viel mehr wurde ihr klar, nachdem sie nur ausgiebig beleidigt wurde.

„Mir ist völlig einleuchtend, dass ich als Frau aus der Unterschicht, die sich nicht selbst eine bessere Stellung inmitten der Leistungsträger dieser fairen Wettbewerbsgesellschaft erarbeitet hat, eigentlich schon an sich ein Nazi war und gar nichts anderes werden konnte. Eines habe ich jetzt gelernt: wer arm ist, ist dumm und wer dumm ist, ist minderwertig und ein Nazi. Und Minderwertigkeit ist verachtungswürdig. Natürlich! Wir müssen nur eine bessere Bildung unter die Leute bringen und uns da auf die demokratischen Parteien wie CDU oder SPD verlassen. Denn es ist ja völlig ausgeschlossen, dass Faschismus etwas mit einem höheren Bildungsgrad gemeinsam hat. Wir sollten da eine klare Linie zwischen den Leuten mit höherer Bildung und besserem Lebensstandard, vor allem zwischen Männern und Frauen, ziehen. Alle müssen wissen, wo ihr gerechter Platz in dieser Gesellschaft ist. Und wer keine ausreichende Bildung hat, kann nun einmal nicht gegen Nazis sein. Dieser ganz Quatsch von wegen gemeinsam kämpfen und soziale Forderungen aufstellen, um den Menschen eine Alternative zu geben und den Rechten ihren sozialen Nährboden zu entziehen kommt doch von Leuten, die eigentlich für rechte Ideen anschlussfähig sind und sich an die Nazis anbiedern.“

Wir gratulieren allen Beteiligten an dieser gelungen Kritik zu ihrem Erfolg und wünschen Mandy Schabrowski alles Gute bei ihrem Studium der Politikwissenschaften an der Freien Universität zu Berlin und ihrem neuen Diskussionszirkel.

Politisches Liedgut: Sog nischt kejnmol

Sog nischt kejnmol: Politisches Liedgut zur erbaulichen Stärkung der antifaschistischen Widerstandskräfte.
Da lachen zwar gesund ist, wir uns aber nicht jeden Tag über die selben Sachen lustig machen können, hier einmal etwas anderes.
Es ist eine Interpretation des jiddischen Partisanensongs, geschrieben von Hirsch Glik im Jahr 1943 im Ghetto der litauischen Stadt Vilnius. Dort schloss sich Glik 1942 der Vereinigten Partisanenorganisation an, die gegen die Nazis kämpften und einen Aufstand im Ghetto organisierten. Nur wenig später nach dem Verfassen dieser Zeilen wurde er im Alter von 22 Jahren von den Nazis ermordet. Ohne sagen zu wollen, dass gerade eine auch nur annähernde Situation vor der Tür steht, sagt uns das Lied, dass man niemals nie zum Kampf sagen soll. Und eine solche Ermunterung ist in Anbetracht des Ärgers über rechte Wahlerfolge und der Wut über die täglichen Angriffe nötiger denn je. Es sagt uns aber auch, dass wir nicht allein sind, dass wir jede und jeden auffordern sollen, mit uns zu kommen und sich zu organisieren. Denn unsere lang ersehnte Stunde wird kommen und wie Donner werden unsere Schritte bei unserer Ankunft dröhnen.

Lyrics:

„Don’t you tell me that you’ll take the final way/
Even when blue sky’s overshadowed by the gray/
Sure the hour that we’re dreaming for will come/
We’ll arrive with steps pounding like a drum.

Sure the hour that we’re dreaming for will come/
We’ll arrive with steps pounding like a drum.

zog nit keyn mol, az du geyst dem letstn veg,
khotsh himlen blayene farshteln bloye teg.
kumen vet nokh undzer oysgebenkte sho,
s’vet a poyk ton undzer trot: mir zaynen do!

fun grinem palmenland biz vaysn land fun shney,
mir kumen on mit undzer payn, mit undzer vey,
un vu gefaln iz a shprits fun undzer blut,
shprotsn vet dort undzer gvure, undzer mut!

s’vet di morgnzun bagildn undz dem haynt,
un der nekht vet farshvindn mit dem faynt,
nor oyb farzamen vet di zun in der kayor —
vi a parol zol geyn dos lid fun dor tsu dor.

dos lid geshribn iz mit blut, un nit mit blay,
s’iz nit keyn lidl fun a foygl oyf der fray,
dos hot a folk tsvishn falndike vent
dos lid gezungen mit naganes in di hent.

to zog nit keyn mol, az du geyst dem letstn veg,
khotsh himlen blayene farshteln bloye teg.
kumen vet nokh undzer oysgebenkte sho —
es vet a poyk ton undzer trot: mir zaynen do!

Don’t you tell me that you’ll take the final way/
Even when blue sky’s overshadowed by the gray/
Sure the hour that we’re dreaming for will come/
We’ll arrive with steps pounding like a drum.

Sure the hour that we’re dreaming for will come/
We’ll arrive with steps pounding like a drum.“