Frau nach öffentlicher Kritik an ihrer Rechtschreibung endlich kein Nazi mehr

Weißenfels. Mandy Schabrowski sitzt vor einem halb leeren Glas Latte Machjato. „Das tut so gut schmecken,“ sagt sie reuevoll. „Ich wußte gar nicht, was ich die ganzen Jahre über verpasst gehabt habe.“ Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und erzählt uns ihre Geschichte.

Weißenfels

Die Stadt Weißenfels entwickelte sich nach Ende des zweiten Weltkrieges zu einem bedeutenden Standort der ostdeutschen Schuh- und Lebensmittelindustrie. In Folge dessen wurden kulturelle Angebote für die breite der Bevölkerung ausgebaut. Nach demFall der Mauer sorgten die Segnungen der Marktwirtschaft und weltweiten Konkurrenz dafür, dass innerhalb von zwei Jahren fast die gesamte Infrastruktur, nahezu alle Arbeitsplätze und damit die Zukunftperspektive der Stadt vernichtet wurden. Die über 6.000 Beschäftigten der Schuhwerke wurden beinahe über Nacht arbeitslos, die Stadt verlor bis 2010 rund ein Drittel ihrer Bevölkerung, als Arbeitslosigkeit und Überalterung Einzug hielten.

Mandys frühe Jahre

Hier wurde Mandy Schabrowski 1991 geboren. Der Vater arbeitete für die Schuhfabrik, die Mutter in der Stadtverwaltung und war für die öffentlichen kulturellen Einrichtung veranntwortlich. Beide Arbeitsplätze fielen schon vor ihrer Geburt dem Abbau zum Opfer. Während der 90er Jahre gab es im gesamten Bundesland Sachsen-Anhalt keine Perspektive für die beiden Elternteile, eine neue Anstellung zu finden. Mit dem sozialen Abstieg und der mangelnden Aussicht auf Besserung, fand die Partnerschaft von der Schabrowski ein jähes Ende 1995. Seitdem ist Mandys Mutter allein für ihre Tochter verantwortlich und fand erst zwei Jahre nach der Trennung eine Position als Gebäudereinigerin in den Überbleibseln der einst riesigen Leuna-Werke. Das tägliche Pendeln nahm ihr zusätzlich die Zeit, um sich um die mittlerweile eingeschulte Tochter zu kümmern. Da die Kosten für die Unterbringung in einem Schulhort zu hoch und die Plätze sehr begrenzt waren, übernahm es die Großmutter in Frührente, die ebenfalls in Weißenfels wohnte. Durch ihren sich verschlechternden Gesundheitszustand konnte sie sich jedoch nur bedingt um das Kind kümmern. 2001 nahm die Mutter dann eine besser bezahlte Stelle in der weiter entfernten Stadt Leipzig an. Mandy übernahm ihre Versorgung schnell selbst. Die schulischen Leistungen der Weißenfelserin blieben dabei zunehmend auf der Strecke.

Die rechte Ideologie war alternativlos

2003 kam sie dann auf die Südstadtschule, wo ihre Schwierigkeiten im Unterricht durch die Zusammenlegung mit einer anderen Schule aus Gründen der Kostensenkung nicht besser wurden. Jugendclubs oder andere Freizeitangebote gab es in der Stadt so gut wie keine, daher verbrachte sie ihre Zeit hauptsächlich mit den anderen Jugendlichen aus ihrem Jahrgang im Stadtpark. Dort hielten sich oft auch Ältere mit ihren Autos auf, so ihr späterer Freund Marco. Da kam Mandy zuerst mit rechten Ideen in Berührung. Die Schwierigkeiten in der Schule, der triste Alltag, die Mutter, die nie da war, auf einmal gab es eine einfache Erklärung für das Alles: die Bundesregierung gibt nur Geld für die Asozialen und Ausländer aus. In Weißenfels kommt davon nichts an. „Außer bei den Zecken und Hippies, die mit ihren teuren Öko-Klamotten in den Häusern in der neuen Siedlung wohnen,“ sagt sie uns. „Die tat ich nie gut leiden können, die waren immer so hochnäsig.“ 2007 verließ sie die Schule, nachdem sie die neunte Klasse wiederholte und fing eine Ausbildung im Edeka als kaufmännische Assistentin an, wo sie nach knappem Bestehen der Prüfungen seither an der Kasse arbeitet. Mittlerweile wohnt sie in einer eigenen Einzimmerwohnung, Marco ist vor zwei Jahren dort eingezogen, weil er zuhause raus geflogen ist. Eine Arbeit hat er nicht, auch keine Ausbildung. Er ist viel unterwegs mit den Jungs, trinkt viel und wird oft ausfallend. Vor einem halben Jahr sagte sie der Redaktion: „Aber ich bin ihm immer treu, wie eine gute Frau es nunmal ist. Bei der Situation ist es doch kein Wunder, dass ein Mann mal etwas raus lassen muss. Dann kommen die ganzen Araber hier her, belästigen uns deutsche Frauen und Mädchen. Man ist ja nirgendwo mehr sicher. Weißenfels ist mittlerweile eine der Städte mit dem größten Ausländeranteil der Welt. Aber mein Freund und seine Jungs kämpfen dafür, dass ich mit als deutsche Frau frei bewegen kann.“ Ob er sie schon einmal geschlagen hätte? „Nur ein paar Mal, aber es war nur ein Versehen, weil er zuviel getrunken hatte. Eigentlich ist er ganz nett. Er hat sich auch immer nach ein paar Tagen dafür entschuldigt und einmal sogar fast geweint.“

Die Erkenntnis

Doch jetzt ist alles anders. Nachdem Mandy auf Facebook Fotos ihrer Lieblingsseite „Wiederstand Weißenfels“ gepostet hat und zum Teil auch eigene Kommentare verfasste, wurde sie kurzzeitig zu einer Internetberühmtheit. Nachdem sie mehrmals als Abschaum, blöde Fotze und unfähige Kartoffel, die in einem scheiß Drecksnest voller Nazis wohnt, beschimpft wurde, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Natürlich ist es ihr mangelnder Wille, etwas besseres, eine tolerante Europerin zu werden, der sie zu einem schlechten Menschen macht. Und mit ihr alle, die unter ähnlichen Umständen aufgewachsen sind. Eine rechte Meinung ist eine Dummheit. Sie kann sich ihre Karriereleiter selbst bauen, Weißenfels verlassen, endlich einen vernünftigen Abschluss machen. Das alles und noch viel mehr wurde ihr klar, nachdem sie nur ausgiebig beleidigt wurde.

„Mir ist völlig einleuchtend, dass ich als Frau aus der Unterschicht, die sich nicht selbst eine bessere Stellung inmitten der Leistungsträger dieser fairen Wettbewerbsgesellschaft erarbeitet hat, eigentlich schon an sich ein Nazi war und gar nichts anderes werden konnte. Eines habe ich jetzt gelernt: wer arm ist, ist dumm und wer dumm ist, ist minderwertig und ein Nazi. Und Minderwertigkeit ist verachtungswürdig. Natürlich! Wir müssen nur eine bessere Bildung unter die Leute bringen und uns da auf die demokratischen Parteien wie CDU oder SPD verlassen. Denn es ist ja völlig ausgeschlossen, dass Faschismus etwas mit einem höheren Bildungsgrad gemeinsam hat. Wir sollten da eine klare Linie zwischen den Leuten mit höherer Bildung und besserem Lebensstandard, vor allem zwischen Männern und Frauen, ziehen. Alle müssen wissen, wo ihr gerechter Platz in dieser Gesellschaft ist. Und wer keine ausreichende Bildung hat, kann nun einmal nicht gegen Nazis sein. Dieser ganz Quatsch von wegen gemeinsam kämpfen und soziale Forderungen aufstellen, um den Menschen eine Alternative zu geben und den Rechten ihren sozialen Nährboden zu entziehen kommt doch von Leuten, die eigentlich für rechte Ideen anschlussfähig sind und sich an die Nazis anbiedern.“

Wir gratulieren allen Beteiligten an dieser gelungen Kritik zu ihrem Erfolg und wünschen Mandy Schabrowski alles Gute bei ihrem Studium der Politikwissenschaften an der Freien Universität zu Berlin und ihrem neuen Diskussionszirkel.

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